Gärten auf dem Dach

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Wärmedämmung und Regenwasserspeicherung stehen beim Corda Campus in Belgien im Vordergrund. Foto: PR

Gründächer gibt es seit den 1970er-Jahren. Wieso der Klimawandel ihnen zu einem Boom verhilft, erklärt Dr. Gunter Mann, der Präsident des Bundesverbandes GebäudeGrün.

Begrünte Dächer werden immer beliebter, viele Städte und Gemeinden fördern die Begrünung sogar finanziell. Was macht diese Dächer so attraktiv, Herr Dr. Mann?

In Deutschland gab es die ersten professionell angelegten Gründächer um 1975 herum, und die Argumente sind über die Jahre im Grunde die gleichen geblieben: Begrünte Dächer wirken wie eine natürliche Klimaanlage, sie können Hochwasser vorbeugen, und sie bieten Lebensraum für Insekten und andere Tiere. Aber leider sind wohl erst Katastrophen wie Überschwemmungen und Hitzewellen nötig, damit mehr Menschen verstehen, wie gut mehr Grün unseren Städten tut.

Ein Dachgarten als Klimaanlage – wie funktioniert das?

Ein begrüntes Dach nimmt viel Wasser auf, erst durch die Erde, das Substrat, und was im Substrat nicht hängenbleibt, geht eine Schicht weiter runter, in die Drainage. Das gesamte „Speicherpaket” Gründach hält – auch bei einfacher Begrünung – mindestens die Hälfte des Jahresniederschlags zurück, bei besseren Dächern sogar noch mehr. Das Entscheidende ist, das Wasser bleibt oben, und die Pflanzen verdunsten es – dadurch entsteht eine Verdunstungskühlung und eine Luftbefeuchtung. Diese Abkühlung, das ist die eigentliche Klimawirkung der Gründächer. Dazu kommt als dritter Faktor der Schattenwurf – wenn man auf dem Dachgarten im Schatten steht beziehungsweise die Beschattung des Gebäudes an sich.

Und im Winter?

Im Winter dient die Begrünung als Wärme-
dämmschicht. Gegenüber einem Kiesdach hat ein Gründach etwa zehn Prozent mehr Wärmedämmung – und das, obwohl durch Feuchtigkeit durchaus sogenannte Wärmebrücken möglich sind.

Dr. Gunter Mann, Präsident des Bundesverbandes GebäudeGrün Foto: PR

Ein weiterer Vorteil von Gründächern ist der Schutz vor Hochwasser.

Genau. Das ist das gleiche Prinzip wie bei der Klimaanlage: Wenn es regnet, nimmt ein Gründach das Wasser wie ein Schwamm auf, teils bis zu 95 Prozent. Man kann sich das ja bildlich vorstellen: Von unbegrünten Dächern, von Straßen, Parkplätzen, sämtlichen Flächen fließen Niederschläge unmittelbar in die Kanalisation, und die steigt dadurch an. Ein Gründach nimmt das Wasser auf – und gibt es verzögert ab, nach und nach. Weil dadurch weniger Wasser in die Kanalisation gelangt, halbieren oder erlassen manche Gemeinden den Hauseigentümern die Niederschlagswassergebühren.

Laut Naturschutzbund Deutschland sorgen Gründächer zudem für bessere Luftqualität, weil sie pro Quadratmeter jährlich bis zu 200 Gramm Feinstaub, Kohlendioxid (CO2) und weitere Schadstoffe binden.

Das stimmt, einerseits wird durch die Begrünung CO2 fixiert. Sobald aber geerntet, gemäht und abgebaut wird, wird wieder CO2 freigesetzt – deshalb gibt es verschiedene Ansichten zu diesem Thema.

Und wie sieht es mit der ­Lärmschutzwirkung aus?

Tatsächlich kann man Gründacher etwa in Flugschneisen gezielt einsetzen, weil sie die Schallreflexion durch Flugzeuge behindern. Allerdings sind Schrägdächer oder Fassadenbegrünung dafür wohl sogar noch etwas wirksamer.

Sie sind ein Pionier der Branche – wie ist es dazu gekommen?

Ich habe Biologie studiert und in den Semesterferien ein Praktikum bei Hewlett Packard gemacht. Da war ich auch bei der Pflege der Dachgärten dabei, und da kam mir die Idee, diese Dächer für meine Diplomarbeit auf Tiere zu untersuchen.

Bosco Verticale: „Senkrechter Wald” heißen diese begrünten Türme in Mailand. Foto: PR

Auf was für Tiere?

Für die Diplomarbeit waren es vorrangig „mobile” Insekten wie Wildbienen und Laufkäfer. Für meine Doktorarbeit habe ich dann Bodentiere untersucht, sprich Regenwürmer, Asseln und Schnecken. Ich wollte feststellen, ob so ein Dachgarten ein dauerhafter Lebensraum ist, und da bieten sich Regenwürmer als Versuchsobjekt an: Wenn die auch die Hitze- und Kälteperio­den eines Jahres auf dem Dach überleben können, dann ist das ein Hinweis, dass das Gründach ein dauerhafter Lebensraum ist.

Und was kam heraus?

Tatsächlich werden einfache Gründächer hauptsächlich von Insekten besiedelt, die mobil sind und jedes Jahr neu kommen. Sobald das Dach höherwertig wird, bietet es Rückzugsflächen für Regenwürmer, Asseln und Schnecken. Zusammengefasst kann man sagen, je höher der Aufbau, desto größer die Artenvielfalt. Heute nennt man das Biodiversitätsgründächer – das ist einer der Trends, die wir gerade haben.

Welche Trends gibt es noch?

Neben den Biodiversitätsgründächern sind Solargründächer und Retentionsdächer im Trend. Solargründächer sind vereinfacht gesagt eine Kombination aus Dachbegrünung mit Photovoltaik, und Retentionsdächer sind Gründächer mit einer extra Wasserhalteschicht. Von denen läuft so gut wie nichts mehr in die Kanalisation ab.

Apropos Trend, wie steht Deutschland   mit der Dachbegrünung im Vergleich zu anderen Ländern da?

Deutschland hat seit Mitte der 1970er-­Jahre die Vorreiterrolle. Wir sind bis heute Marktführer, sowohl von der Technik her als auch von den Größen der Flächen. 2018 sind sieben Millionen Quadratmeter Dachfläche neu begrünt worden in Deutschland. Ich wüsste nicht, welches Land ähnliche Zahlen aufweisen kann.

Gibt es ein Gründach, das Sie  ­besonders gelungen finden?

Was ich in meinen Vorträgen gern zeige, ist das Pfanni-Dach in München. 2.500 Qua­dratmeter Gründach, die als Almgarten bezeichnet werden – eine Schau­fläche für nachhaltiges Bauen, mit „Urban Farming”, mit Obstbäumen, Bienenstöcken und Schafen. Als ich vergangenes Jahr oben war, waren sieben Schafe drauf und zwei Jungtiere, das ist wirklich klasse.

Wie sinnvoll sind Gründächer, um Raum zu gewinnen?

Tatsächlich haben wir unglaublich viele brachliegende Flächen auf dem Dach. Wir begrünen in Deutschland nur zehn Prozent der Dachflächen, die jedes Jahr dazukommen – das heißt, 90 Prozent der neuen Dächer sind unbegrünt. Das sind riesige Flächen, die wir verschenken!

Die wir wozu nutzen könnten?

Alles, was wir unten machen, können wir auch auf dem Dach machen. Wenn Sie sich etwa die Skyline Plaza in Frankfurt anschauen, das ist ein Shoppingcenter, da gibt es auf dem Dach ein Restaurant, einen Spielplatz und Klettergerüste. Gerade in Großstädten ist es so schwierig – und auch preislich eine Rieseninvestition –, überhaupt einen Bauplatz zu bekommen. Und dann finde ich es fast fahrlässig, den gekauften Grund nur einmal zu nutzen, indem man unten ein Haus draufstellt. Wenn ich oben die Fläche nochmal nutze, schaffe ich relativ günstig weiteren Raum. Gerade bei Wohnbauten ist mir das unbegreiflich, dass das nicht automatisch mitgeplant wird, das wäre ein Riesenvorteil für die Mieter.

Das klingt alles so toll – haben Gründächer denn auch Nachteile?

Gegner führen gern die Mehrkosten für die Statik an, aber das hängt natürlich von der Bauphase und vom Gebäude ab. Wenn ich die Begrünung von Anfang an einplane, ist es was anderes, als wenn mir ganz am Schluss der Planung einfällt, dass da ein Garten drauf soll.

Apropos Kosten – was muss man veranschlagen für einen Dachgarten?

Einen Dachgarten bekommen Sie ab 100 Euro pro Quadratmeter – und die Pflege kostet genauso viel oder wenig wie unten.

Natürliche Klimaanlage: Im Winter speichert ein grünes Dach die Wärme, im Sommer hält es Hitze ab. Foto: Alamy

Fünf Punkte für den Frühjahrs-Check am Dach

Im Winter haben Regen, Frost und Schneelasten dem Dach zugesetzt – deshalb ist jetzt ein guter Moment, nach dem Rechten zu sehen. Dachdecker Thomas Schmidt aus Berlin erklärt, was wichtig ist.

Dachdecker Thomas Schmidt Foto: Jonas Friedrich

Lose Dachziegel

Der Dachdecker prüft, ob sich Steine oder Ziegel verschoben haben, ob etwas locker oder gebrochen ist. Schadhafte Stellen müssen repariert, kaputte Ziegel ausgetauscht werden. Denn durch undichte Stellen kann Wasser ins Dach eindringen. Dann fangen Dachbalken an zu faulen, es entstehen Hausschwamm und Schimmel – und meist auch höhere Heizkosten, weil die Dämmung beeinträchtigt ist.

Algen und Moos

Bräunliche Beläge auf dem Dach sehen nicht schön aus, sind aber meist un­schädlich. Bitte nicht mit dem Hochdruckreini­ger anrücken: Er kann die Dachein­deckung beschädigen – und wenn man das Gerät falsch handhabt, entstehen Wasserschäden unter der Eindeckung. Auch chemische Produkte haben auf dem Dach nichts zu suchen, die Mittel können die Oberfläche angreifen. Die beste Dachpflege besteht darin, von Anfang an gute Baustoffe auszusuchen. Glasuren und robuste Materialien lassen Algen und Moos erst gar nicht entstehen.

Laub

Sand, Schlamm, Laub und Schmutz ­müssen aus der Dachrinne und den Kehlblechen entfernt werden – weil sich sonst Wasser stauen und überlaufen kann und Schimmel an der Hauswand entsteht. Außerdem nimmt das Laub die Sicht auf etwaige Schäden.

Regenrinne

Wenn die Regenrinnen und Kehlbleche sauber sind, prüft der Dachdecker, ob
sie dicht sind, sodass Niederschlags­wasser gut ablaufen kann. Überprüft werden auch die Anschlüsse an Lüfter und Kamin – wenn hier nicht alles dicht ist, dringt Regenwasser ein.

Sicherheit

Als Hauseigentümer sind Sie verpflichtet, Ihr Gebäude so instand zu halten, dass keine Gefahr für die Allgemeinheit davon ausgeht. Wenn etwa ein Sturmschaden entsteht, müssen Sie nachweisen können, dass ein Fachmann regelmäßig den tadellosen Zustand des Daches festgestellt hatte. Sonst kann es passieren, dass die Versicherung nicht zahlt.