| 0 Comments

Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, über die Herausforderungen durch den Klimawandel.

Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen

Frau Dr. Lemaitre, Wissenschaftlern zufolge werden wir die Folgen des Klimawandels wie Hitzewellen und Stark­regenphasen auch hier in Deutschland immer deutlicher spüren. Wie müssen wir unsere Gebäude dagegen wappnen?

Ich möchte vorwegschicken, dass wir uns im Kampf gegen den Klimawandel noch nicht geschlagen geben sollten. Wenn wir die Frage stellen, wie Gebäude und diejenigen, die darin leben und arbeiten, gegen die Folgen des Klimawandels geschützt werden können, darf das nicht bedeuten, dass wir uns mit einem Temperaturanstieg um zwei oder mehr Grad abgefunden haben. Bevor wir über Bauweisen und Materialien oder Techniken sprechen, müssen wir uns überlegen, wie wir gerne leben und wohnen möchten. Die Frage, mit welchen Materialien und technischen Lösungen wir dies dann umsetzen und in diesem Zuge dann auch die Herausforderungen durch den Klimawandel angehen, kann ja erst dann wirklich vernünftig beantwortet werden.

Wie könnte eine entsprechende Haltung dazu aussehen?

In meinen Augen spielen Angemessenheit und Veränderbarkeit entscheidende Rollen. Das heißt: Nicht mehr und nicht größer als notwendig und so flexibel wie möglich sollten wir unsere Wohnungen gestalten. Bedarfe ändern sich, Anforderungen ändern sich – darauf muss man als Besitzer oder Bewohner eines Hauses reagieren können. Flexibel bauen heißt dann etwa auch, ein Gebäude ohne großen Aufwand auf dauerhaft erhöhte Temperaturen umrüsten zu können.

Wie steht es damit bisher?

Richtig gut sind wir bisher nicht auf einen dauerhaften Temperaturanstieg und auf sehr heiße Sommer eingestellt. Das hängt auch damit zusammen, dass wir in unseren Breitengraden dem Thema Heizen in den vergangenen Jahrzehnten immer größeres Augenmerk gewidmet haben. Verständlicherweise. Überhitzung hat dagegen kaum eine Rolle bei der Gebäudeplanung gespielt. Jetzt, wo in den vergangenen Jahren der Anstieg der Temperaturen konkret zu spüren ist, gehen wir in den Baumarkt und kaufen Klimageräte. Damit steigen die Energieverbräuche und damit die CO2-Emissionen, welche wiederum den Klimawandel begünstigen. Stattdessen müssten wir doch endlich einmal aus dem „Reagieren“ ein „Agieren“ machen und beispielsweise über passiven Sonnenschutz und passive Kühlungssysteme nachdenken.

Welche Maßnahmen haben Sie vor Augen, wenn Sie von passivem Sonnenschutz und passiver Kühlung sprechen?

Als Erstes: außen liegenden Sonnenschutz. Darüber verfügen schon viele Wohnhäuser und Bürogebäude, das ist aber nachträglich nachrüstbar. Eine andere Maßnahme ist die Gebäudeausrichtung nach Nord-Süd. Dann sind größere Dachüberstände sehr gut geeignet, Wärme aus dem Gebäude fernzuhalten. Ein anderer Punkt sind Lüftungsvorrichtungen, die zum Beispiel nachts für eine Querlüftung sorgen. Das berührt unter Umständen das Sicherheitsempfinden von Bewohnern, ist aber sehr hilfreich.

Vorbilder könnten wir in Süd­­europa oder Afrika finden, oder?

Ja, richtig. Dort wurde traditionell so gebaut. Und auch noch etwas anderes können wir lernen. Ich denke da an unsere spanischen Kollegen, die im Sommer bis vier Uhr nachmittags Siesta halten. Wir müssen nicht nur unsere Gebäude, sondern vielleicht auch unseren Lebensrhythmus an die Folgen des Klimawandels anpassen. 

»In meinen Augen spielen Maß und Veränderbarkeit entscheidende Rollen: Nicht mehr als notwendig und so flexibel wie möglich.« Dr. Christine Lemaitre

Welche Materialien sollten wir gegen Hitze einsetzen und welche Bauweise?

Gegen Hitze braucht es eigentlich eine gewisse thermische Masse, also eher schwerere Bauteile. Hierfür eignen sich auch natürliche Baustoffe wie beispielsweise Lehm. Der hat tolle raumtemperierende Effekte. Auf der anderen Seite bedeutet flexible Bauweise eher leichte Baustoffe, die einfach zurückgebaut werden können. Nachhaltigkeit birgt immer diesen Zielkonflikt und die Aufgabe, sich intensiv mit den Anforderungen und den unterschiedlichen Bereichen und Komponente eines Hauses auseinanderzusetzen. Wir Menschen hätten es aber immer gerne leicht: Gehe den Weg A, dann wird alles gut. Aber so geht es im Bauen nicht. Deshalb ist es wichtig, in der Bauplanung schon verschiedene Optionen durchzuspielen und sich nicht sofort auf eine Sache festzulegen. Holz zum Beispiel ist ein toller Baustoff, aber es muss nicht immer alles am Bau aus Holz sein.

Eine weitere Wettererscheinung ist Starkregen. Wie schützen wir Häuser vor den Folgen?

Zunächst kann man dem vorbeugen, indem man beim Bau weniger Flächen versiegelt. Das Wasser muss versickern können. Um einem Wassereinbruch in das Haus vorzubeugen, ist auch die Lage auf dem Grundstück zu beachten: Wo gibt es Gefälle? Wie richte ich das Gebäude dazu aus? Wo kann ich Sickerflächen aktiv vorhalten? Wo Abflussmöglichkeiten? Das Gebäude kann ich schützen, indem ich zum Beispiel Kellerfenster besonders sichere. Eine neue Qualität ist, dass heute – und künftig wahrscheinlich noch stärker – Gebäude von Überschwemmungen betroffen sind, die man vor Kurzem noch als sicher betrachtet hat. Hochwasserereignisse nehmen zu, auch was ihre Ausbreitung betrifft.

Was bedeutet das?

Vor allem, dass man sich über die Gefährdungslage informieren sollte, bei Bestandsbauten genauso wie bei Neubauvorhaben. Wenn ich die mögliche Gefahr kenne, kann ich mich dagegen schützen.

Kommen wir noch einmal auf den Anfang zurück: Müssen wir denn nun beim Bauen komplett umdenken, um uns gegen die Herausforderungen des Klimawandels zu wappnen? 

Wir haben erfreulicherweise einen ziemlich hohen Qualitätsstandard in Deutschland, da müssen wir uns keine Sorgen machen, dass reihenweise die Dächer abgedeckt werden, wenn es stürmt. Unsere Häuser halten auch extremen Wetterphänomen in der Regel stand. Vor allem im Einfamilienhausbau bauen wir noch sehr konventionell. Im Grunde stimmen die Produkte, und es stimmt auch das Qualitätsverständnis. Was wir aber brauchen, ist eine aktive Auseinandersetzung mit unseren eigenen Bedürfnissen und Anforderungen und der Frage, ob es nicht auch mal mit weniger Fläche, Material oder weniger künstlicher Kühlung komfortabel sein kann. Schließlich haben wir im Bauen die Möglichkeit, unsere gebaute Umwelt so zu gestalten, dass wir uns wohlfühlen. Das ist doch auch eine positive Perspektive, und wenn man damit die Welt retten kann, sollte das doch jeden überzeugen, etwas mutiger und ambitionierter zu sein!

So bauen Sie richtig

Tipp 1
Große Dachüberstände und ein außen liegender Sonnenschutz halten die Wärme vom Hausinneren fern. Wenn möglich, das Haus in Nord-Süd-Achse errichten.

Tipp 2
Die Möglichkeit der Quer­lüftung vertreibt besonders in den kühleren Nachtstunden die Hitze des Tages. Vorbild kann eine Bauweise sein, wie man sie von Wohnhäusern in Südeuropa und Nordafrika kennt.

Tipp 3
Beim Bauen heute schon an die Zukunft denken: Material und Bauweise so wählen, dass bei notwendigen Anpassungen flexibel nachgerüstet oder umgebaut werden kann.

Weitere Informationen: DGNB

Headerbild: © iStock