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Die Haustür der Zukunft: Verschwinden die Schlüssel?

Die Firmennamen klingen teilweise lustig, wie Produzenten von Schnullern oder Babynahrung: Nuki, Kiwi oder Kisi. Dabei steckt hinter den Namen dieser Zubehörhersteller eine ziemlich ausgewachsene Revolution, die unser Wohnen betrifft. Die Tür, wie wir sie seit Kindertagen aus Häusern, Wohnungen und Zimmern kennen, könnte sich bald grundsätzlich verändern. Besser gesagt: die Art, wie eine Tür funktioniert. Und wen sie warum hereinlässt – oder eben nicht.

Nuki zum Beispiel, eine 2014 gegründete Firma aus Graz. Das smarte Türschloss, das von dem Digitalunternehmen vertrieben wird, sieht wie ein kleiner Rasierapparat aus. Es wird von innen auf das existierende Schloss geschraubt, eine Art Sender im Haus verbindet das Kästchen mit dem Internet – dann haben die Bewohner von überall aus Zugriff auf den Schließmechanismus.

 

Ein Fingerdruck kann genügen

Das heißt: Die Tür lässt sich ohne Schlüssel von dazu autorisierten Personen mit einem Fingerdruck aufs Smartphone öffnen. Auch wenn man weit weg ist, kann man mit dem Nuki-Zubehör von unterwegs aus Familienmitgliedern, Freunden, Postboten oder Handwerkern Einlass gewähren. Die digitale Komponente lässt sich zudem so einstellen, dass die Tür automatisch aufgeht, wenn sich ein Berechtigter mit seinem Smartphone nähert. Ein Traum für alle, die ab und zu mit schweren Taschen oder Kisten nach Hause kommen. Und das Gefummel hassen, das dann beim Aufschließversuch entsteht.

Wenn man dieser praktisch schon verfügbaren Zukunftsvision glaubt, wird der altbekannte Schlüssel also bald aus unserem Leben verschwinden. Die umständlichen Manöver, die man vollführen muss, um Gästen, Heizungsablesern oder Katzensittern den Zweitschlüssel zu übergeben. Die Suche im Wäschekorb nach der Hose, in deren Tasche man den Kellerschlüssel gesteckt hat. Sieht man es positiv: eine Menge Ärger weniger.

 

Zweifel an digitalen Lösungen

Aber so fortschrittsgläubig man auch ist, Zweifel spürt man mindestens. Wie gut ist es, auch noch die letzten Ecken des Alltags zu digitalisieren? Wie viel Vertrauensvorschuss schenken wir der noch jungen Technologie? Und wenn die Akkus unserer Smartphones oft schon zu schwach sind, um einen Ausflugssamstag zu überstehen – wie leben wir mit dem Gedanken, dass wir abends mit schlapper Batterie vor verschlossener Haustür stehen?

Elektronische Schlösser, die mit Chipkarten funktionieren, kennen wir schon seit einiger Zeit aus Hotels und Firmensitzen – meistens stehen hier Sicherheitsvorkehrungen oder praktische Überlegungen dahinter: Wenn ein Metallschlüssel verloren geht, müssen oft viele Schlösser ersetzt werden. Digitale Mechanismen können dagegen ganz einfach umprogrammiert werden.

Der Gedanke hinter neuen Konzepten ist größer, systematischer. Er hängt mit dem zusammen, was unter dem Begriff Smarthome seit einigen Jahren für Diskussionsstoff sorgt: Das gesamte Zuhause soll von einer digitalen Architektur durchdrungen werden – damit sich irgendwann Licht und Herd automatisch abschalten, wenn man das Haus verlässt. Und Heizung und Musikanlage sofort anspringen, wenn der digitale Schlüssel das Signal sendet, dass man wieder da ist. 

 

Wie verlässlich ist die Technik?

Wenn man dieser Komplettvision misstraut, was durchaus verständlich ist, kann man sich zum Glück auch einzelne Komponenten herauspicken. Größere Umbauten bedeutet eine digitale Umrüstung des Türschlosses in der Regel nicht. Dafür ist die Hardware, die man anschaffen muss, mit 100 bis 400 Euro nicht gerade günstig. Anbieter gibt es mittlerweile viele, einige Smartschlösser lassen sich auch mit Fingerabdruck, Gesichts- oder Spracherkennung bedienen – Techniken, die viele heute schon zum Entriegeln ihrer Smartphones benutzen.

Lassen sich all diese Mechanismen nicht leicht aushebeln? Der erste, naheliegende Impuls lässt außer Acht, dass schon der klassische Schlüssel leicht zu fälschen, stehlen oder missbrauchen war. Die viel kritischeren Fragen: Wie ausgereift ist die Technik? Wie anfällig ist das komplexe digitale System für Fehler, wie zuverlässig ist bei den relativ kleinen Herstellern der Kundenservice? Und wie gut fühlen wir uns mit der Vorstellung, noch mehr Bewegungsdaten aus unserem Alltag auf externe Server zu schicken? Selbstverständlich garantieren die Anbieter besten Schutz. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass ein digitaler Schlüssel nun mal Daten produziert, die irgendwer erst mal wieder löschen muss.

Aber was ist denn nun eigentlich, wenn der Handyakku zu Ende geht und die Tür verschlossen ist? Der beste Tipp, den die Hersteller für diesen Fall haben: Doch noch einen konventionellen Schlüssel für den Notfall bereithalten. Ganz so schnell wird der gute alte Metallbart wohl doch nicht verschwinden.