Das grüne Paradies im Schrebergarten

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Wenn man das Tor zu Julia Kowalskis Schrebergarten am Stadtrand von Berlin öffnet und hindurchgeht, dann ist man – weg. Im Paralleluniversum. Im Quasi-Urlaub. „Das Schöne ist ja gerade, dass man hier nicht wirklich wohnt“, sagt Gartenchefin Julia bei der Begrüßung in ihrer Laube. „Weil das eben auch heißt, dass alle Pflichten und Ablenkungen, die zum Zu-Hause-Sein gehören, hier wegfallen. Es gibt keine Waschmaschine, keinen Fernseher, keine Hausarbeit, die man noch erledigen sollte.“

Nun gut, der Schrebergarten ist nicht ganz so praktisch wie der Rasen vor dem Haus, den man barfuß über die Terrasse erreichen kann. Aber so viel länger müssen Julia, ihr Mann und ihre zwei Kinder auch nicht laufen, um ins Grüne zu gelangen. Von ihrer Wohnung im Nordwesten von Berlin sind es nur rund zehn Gehminuten bis zur magischen Parzelle. Und wenn die Sommer so gut sind wie im vergangenen Jahr, dann werden die rund 400 Quadratmeter Fläche des Kleingartens zum geradezu explosiven Ort der Fruchtbarkeit in der Stadt.

Sobald der Frost verschwunden ist, fängt im Garten die Frühjahrsroutine an. Die Stauden schneidet Julia erst jetzt zurück, nicht schon im Herbst. „Natürlich ist es angenehm, wenn man zum Jahresanfang zurückkehrt und alles ist schon hübsch zurechtgeschnitten“, sagt sie. „Meine Meinung ist jedoch, dass die Pflanzen besser vor dem Winterfrost geschützt sind, wenn man damit wartet.“ Das Gartenhaus wird entstaubt, die Familie macht im zweiten Zuhause klar Schiff. Wenn die ersten Sonnenstrahlen kommen, ist es eh besonders schön, wieder draußen zu sein.

Großes Glück war es, dass die Kowalskis 2010 den Schrebergarten in derart unmittelbarer Umgebung zu ihrer neuen Wohnung fanden. Die Parzellen sind gerade bei jungen Familien in Berlin heiß begehrt, oft schmort man monate- oder gar jahrelang auf Wartelisten für eine Laube. Bei ihren Erkundungsspaziergängen entdeckten Julia und ihr Mann ein Plätzchen, das zwar hübsch war, jedoch ein wenig verwahrlost wirkte. „Abrissparzellen“ nennt man diese Spots im Jargon der Stadt. „Die meisten Leute wollen in einen Garten einziehen, in dem alles picobello ist“, sagt Julia. „Uns war das egal. Deshalb griffen wir zu.“ Die Pacht für ihren Kleingarten ist günstig: Pro Jahr bezahlen sie eine Summe, die so hoch ist wie die Monatsmiete für ein besseres Studentenzimmer in Berlin.

Dann ging die Arbeit auf dem Grundstück im Grünen los. Als Erstes wurden Sandkasten und Schaukel für die Kinder aufgestellt, dann machten Julia und ihr Mann sich daran, zu rupfen und zu pflanzen. Die gewaltige Thuja-Hecke, die das Sonnenlicht aussperrte, wurde stark gestutzt. Die Gemüse- und Blumenbeete bepflanzte Julia so dicht, dass für unerwünschte Sprießlinge gar kein Platz mehr war. „Ich bin zwar leidenschaftliche Gärtnerin“, sagt Julia, „aber das Letzte, worauf ich Lust habe, ist Unkrautzupfen.“

Wie viel sie in den letzten acht Jahren in ihr Stück Natur in der Stadt investiert haben? Julia überlegt kurz, nennt eine kleinere fünfstellige Summe. „Wer sich nur entspannen will, ist hier falsch“, stellt Julia noch einmal klar. „Dazu ist hier einfach zu viel zu tun.“ So viel Entspannung dieser Berliner Schrebergarten seinen Bewohnern auch verspricht, man darf das Glück nicht für selbstverständlich nehmen. „Für uns zahlt sich die Arbeit aus“, bilanziert Julia Kowalski, bevor sie sich wieder an die Arbeit in den Beeten macht. „Wir verbringen wirklich viel Zeit hier.“ Das irdische Paradies: Man muss es sich verdienen. Dann aber gibt es nichts Schöneres.

 

Fotos: Bernhard Huber