| 0 Comments

Was tut man, wenn man einen Garten anlegen will, aber keine Ahnung hat, wie das geht? Drei junge Männer aus Kiel haben eine Firma gegründet, die solche Probleme lösen kann. Wir haben mit ihnen einen Biohof besucht.

Wenn die drei Jungunternehmer aus Kiel sehen wollen, wie ihr Kapital wächst und gedeiht, dann steigen sie ins Auto und fahren nach Nordwesten. Eine knappe Stunde brauchen Hannes, Lasse und Dennis, die Gründer der Firma Rankwerk, bis sie über Bundesstraßen, Teer- und Schotter­wege nach Silberstedt kommen. Zu dem idyllischen, sehr grünen Flecken im Norden Schleswig-Holsteins, wo sich Möhre, Pastinake und Blumenkohl gute Nacht sagen. Und wo ein großer Teil der äußerst wertvollen Güter herkommt, denen ihr Unternehmen seinen Erfolg verdankt. Silberstedt ist eine Hochburg der Bio-Gemüsesamen.

Harkpause: Lasse Popken, Hannes Popken und Dennis Lizarzaburu beim Kaffee mit Ute Rettmann vom Verein Saat:gut. Foto:Georg Roske

„Viele Stadtbewohner verstehen ja gar nicht, warum es so wichtig ist, die Pflanzkultur zu pflegen“, sagt Lasse Popken, 28, als die drei über die Feldwege zum Hof spazieren. „Deshalb gehen viele Urban-Gardening-Projekte nach wenigen Monaten wieder ein.“

„Viele Stadtbewohner verstehen gar nicht, warum Pflanzkultur so wichtig ist.“ Lasse Popken, Mitgründer Rankwerk

Lasse, sein Bruder Hannes (32) und ihr Geschäftsführungspartner Dennis Lizarzaburu (29) haben ihre Firma mit dem Ziel gegründet, genau das zu ändern. Auf ihrer Website bieten sie Pakete an, mit denen auch völlig unerfahrene Gärtner ins Abenteuer Gemüsezucht starten können, auf dem Balkon, am Gartenbeet oder wo auch immer. 

Die Leidenschaft fürs Gärtnern fördern

Rankwerk verkauft Saatgut, Pflanzpläne, Geräte, Kleidung – und bietet drumherum Service und Beratung. Wie fange ich es an, wenn ich in der Stadt meinen eigenen Garten haben will? Welche Erde nehme ich, welche Samen? 

Gemüseprobe: Die Unternehmer bekommen die Saat nicht direkt vom Hof – ein Bio-Großhändler ist zwischengeschaltet. Foto: Georg Roske

Das ist die Mission: Diese Fragen so gut zu beantworten, dass die Menschen nicht schon bei der ersten Schwierigkeit wieder das Interesse verlieren. Dass sie nicht nur kurz dem zeitgemäßen Öko- und Nachhaltigkeitstrend hinterherlaufen, sondern wirklich dabeibleiben. Echte Gartenleidenschaft bekommen. Und am Ende, nun ja, die Früchte ernten.

„Betreuung und Anleitung gibt es da nicht. Das macht wenig Spaß.“ Hannes Popken, Rankwerk

„Das klassische Angebot sieht nun mal so aus: Man packt im Bau- oder Supermarkt die Samentütchen ein, dazu Tontöpfe und Erde, am besten gleich im 25-Kilo-Sack“, sagt Hannes Popken. „Betreuung und Anleitung gibt es da nicht. Das macht wenig Spaß.“ Die drei Grünunternehmer hocken jetzt mitten im Gewächshaus, hier draußen auf „Christiansen‘s Hof“, dem Biobetrieb im herrlich wilden Flachland von Schleswig. 90 Hektar voller Möhren und Kartoffeln, Kohl und Kräuter, organisch gedüngt, versorgt mit Strom aus zwei eigenen Windmühlen. 

Außerdem, und das ist in diesem Fall noch wichtiger: Im Hof befindet sich das Hauptquartier des Vereins Saat:gut. Seine Mitglieder setzen sich dafür ein, dass Obst, Gemüse oder Blumen auch in Zukunft weiterhin so kultiviert werden, wie es vor der Industrialisierung der Saatgutwirtschaft üblich war – und auch das gehört zu den festen Grundsätzen bei Rankwerk. Ein Teil der Samen, die Hannes, Lasse und Dennis in die Pakete für ihre Kunden packen, kommt sogar genau aus dem Boden, auf dem sie gerade stehen. Chilis und Möhren, Paprika und Tomaten, Brokkoli, Salat, Kräuter und so weiter.

Der Nachteil der industriellen Produktion von Saatgut

Wer zuletzt die Nachrichten über Monopole großer Chemiekonzerne in der Landwirtschaft verfolgt hat, kennt das Dilemma: Auch in Ländern, in denen gentechnisch veränderte Pflanzen verboten sind, bietet die Industrie Saatgut aus Züchtungen an, in denen verschiedene Sorten gekreuzt und optimiert wurden. 

Das hat nicht nur den Effekt, dass die Pflanzen wenig widerstandsfähig gegen unerwartete Schädlinge sind – vor allem bedeutet es, dass die Samen, die man aus er eigenen Ernte gewinnt, nicht für die Aussaat im folgenden Jahr taugen. Man muss immer wieder neues Saatgut kaufen. 

Kurz und knackig: Die Brüder Lasse (r.) und Hannes begutachten die Hofernte. Foto: Georg Roske

Bei den Biosamen, wie sie auf dem Hof in Silberstedt gewonnen und von Rankwerk übers Internet verkauft werden, gibt es diesen Haken nicht. Aus ihnen heraus entwickelt sich der authentische Kreislauf der Natur – was auch heißt, dass man beim Werkeln mit ihnen plötzlich Dinge versteht, die sich auf viele andere Gebiete der Gartenpflege anwenden lassen. 

Die Kultur des Säens und Erntens fördern

„Einige Neueinsteiger müssen erst lernen, dass eine Pflanze nicht mal eben so entsteht, sondern einen langen Weg zurücklegt“, sagt Dennis Lizarzaburu. „Wer eine Paprika wochen- oder monatelang begleitet, von der Anzucht bis zur Ernte, hat hinterher eine ganz andere Wertschätzung fürs Gemüse.“

Das sind die zwei Hauptziele, die die drei Rankwerk-Jungs aus der Großstadt Kiel verfolgen: eine Kultur des Säens und Erntens fördern, die im Jahr 2020 durchaus in Gefahr ist, durch neue Technologien verdrängt zu werden. Und Menschen aktiv zu ermuntern und zu befähigen, sich genau zu diesem Zweck einen Garten anzulegen. Auch und erst recht in den Städten.

Tütenweise Spaß: Auch die Verpackung von Rankwerk-Samen ist plastikfrei und sogar mit veganem Kleber verarbeitet. Foto: Georg Roske

Alternative zu den Saatgutmonopolisten

Die Idee zur Firma entstand Mitte 2016. Da nahmen die Brüder Lasse und Hannes an einem Gründerwettbewerb des Landes Schleswig-Holstein teil. Lasse hatte Architektur studiert, Hannes Nachhaltigkeitswissenschaft – und beide trieb die Frage um, wie man Stadtentwicklung und Grünkulturpflege verbinden könnte.

„Wir sind völlig naiv zu diesem Bewerbungsgespräch gegangen, haben mit einer Tomate herumgefuchtelt und einen Vortrag über CO2-Einsparung gehalten“, erinnert sich Hannes. 

Bei einem der nächsten Versuche klappte es: Die Geschäftsidee, einen Online-Shop für Saatgut und Gartenberatung ins Leben zu rufen, der besonders Anfänger ansprechen soll, überzeugte Investoren. Im Frühjahr 2017 startete Rankwerk als kleine, transparente, nutzernahe Opposition zu den Saatgutmonopolisten aus Missouri und Leverkusen.

„Die meisten Menschen sehnen sich nach Natur, wollen Dreck an den Fingern spüren.“ Hannes Popken, Rankwerk

Mittlerweile bekommen sie fast täglich Fotos geschickt, auf denen Kunden mit ihrer Ernte posieren. „Ich dachte immer, ich hätte keinen grünen Daumen. Jetzt merke ich, dass ich doch einen habe“, dieses Feedback hören Hannes, Lasse und Dennis häufig. 

Und so blüht das Geschäft, wie die meisten der 23 Sorten, die sie derzeit im Angebot haben. Die bunte Chili namens „Lila Luzi“ gehört zu den beliebtesten und wird von ihnen auch für 2020 als heißer Favoritentipp für die wachsende Kundschaft gehandelt.

Was wir alle von den Saatgut-Aktivisten lernen können? „Die meisten Menschen sehnen sich heute nach Natur, wollen Dreck an den Fingern spüren, sich inspirieren lassen“, fasst Hannes Popken zusammen. „Und es braucht jemanden, der ihnen die Hemmschwelle nimmt, die sie davon abhält.“ Wie gesagt: Es ist eine Mission. Der Gedanke wird Wurzeln schlagen.

Erste Schritte zum Gemüsegarten 

Das empfiehlt Hannes Popken von Rankwerk:

1.) Standort beachten

Wenn die Saat nicht aufgeht, liegt das oft daran, dass sie zu wenig Sonne bekommt. Ein mediterranes Gewächs wie Paprika mag nicht allzu viel Schatten. Tipp: Balkon oder Beete auf einem Blatt Papier skizzieren und eintragen, an welcher Stelle im Tageslauf wie viele Sonnenstunden herrschen.

2.) Qual der Wahl

Von der Entscheidung für die richtigen Pflanzen hängt ab, ob der Garten Spaß oder Frust erzeugt. Und es gibt für jeden Ort passende Bewohner: Wenn eine Ecke eher dunkel und kühl ist, ist sie für Kräuter, Beeren, Spinat oder Mangold eventuell ideal. Ohne Beratung und Planung geht hier nichts.

3.) Wasser sparen

Viel gießen ist immer gut? Ein Mythos, der genauer Betrachtung nicht standhält. Wer seinen Topf­pflanzen zu viel Wasser gibt, erzeugt Staunässe – das Verhältnis zwischen Sauerstoff und Wasser in der Erde kippt. Tipp: Steine oder Kiesel unten in den Topf legen, ein Loch zum Abfluss lassen. 

4.) Niemals aufgeben

Auch wenn man alles richtig macht, kann es vorkommen, dass die Saat nicht aufgeht. Die Natur ist eben keine Maschine: Es gibt bei Samen immer Ausfallraten. Nicht aufgeben – und einfach noch einmal probieren. Mit der Zeit kommt die Erfahrung, und die Erfolgserlebnisse stellen sich ein.

Tags